Heini Hofmann
"Freiberger bei der Arbeit: Ruttnern"
Tagblatt Online
22. Januar 2013

Kampf gegen den Schnee

Historische Saumpfade. Noch gibt es in der Schweiz wenige Menschen, welche die Technik des Ruttnerns kennen. In früheren Jahrhunderten war diese Technik mit Pferden überlebenswichtig, weil der Warenverkehr im Winter im Gebirge über tief verschneite Saumpfade geführt werden musste.

Freiberger Ruttnern

Die Technik ist beinahe vergessen. Praktiziert wird sie nur noch gelegentlich bei der Traintruppe der Schweizer Armee. Das Ruttnern: Eine von Säumern über Jahrhunderte ausgeübte Technik – das Erstellen tragfähiger Schneepfade in unwegsamem Gelände mit Hilfe von Pferden und Maultieren. Noch früher wurden Ochsen eingespannt: Diese sinken im Schnee weniger ein, da sie, im Gegensatz zu den Pferden, auf zwei Zehen fussen, die sich zudem leicht spreizen.

Die letzte wirklich spektakuläre Ruttnerübung fand vor einem Vierteljahrhundert statt, als eine Trainkolonne mit Pferden und Wehrmännern die Leistungsfähigkeit des Trains unter Beweis stellen wollte: Diese Naturburschen öffneten in harter Knochenarbeit den in Graubünden gelegenen, die Landschaft Davos mit dem Mittelengadin verbindenden Scalettapass.

Alte Wegtechnik stirbt aus

Analog wie in der Landwirtschaft verschwindet das Pferd ratenweise auch aus der Armee. Verfügten die Traintruppen Mitte letzten Jahrhunderts noch über rund 10 000 Tiere, ist deren Zahl heute bereits auf unter 700 zusammengeschrumpft.

Mit dem Verschwinden der «Hafermotoren» geht auch das Wissen im Umgang mit den Arbeitstieren verloren, was wiederum bedeutet, dass altbewährte Arbeitstechniken aussterben, wie zum Beispiel das Holzrücken mit Pferden oder eben das Ruttnern. Doch wie funktioniert diese geniale Schneepfadtechnik genau?

Als im 19. Jahrhundert der Alpenstrassenbau begann, starb die Säumerei, das heisst der Warentransport mit Tragtieren, aus. Nur bei den Gebirgssoldaten mit ihren Armeepferden lebte diese Tradition weiter. Allerdings nur als traintechnische Übung und nicht als handelsbedingte Notwendigkeit.

Die Ruttnertechnik ist seit Jahrhunderten dieselbe geblieben: Eine Absteckequipe, heutzutage eine Skipatrouille unter Führung von Schnee- und Lawinenspezialisten, erstellt die Streckenmarkierung, bedacht auf Sicherheit und gleichmässige Steigung. Sehr oft entspricht diese Routenwahl nicht dem Sommerweg. Gefährliche Stellen wie eine verborgene Bachquerung werden speziell markiert.

Pferde verdichten den Schnee

Hat die Skipatrouille die Routenführung ausgesteckt, folgt ein Schaufler-Detachement. Dieses bricht den Schnee von beiden Seiten in die Wegmitte, damit ihn die nachfolgenden, am langen Zügel geführten Spurpferde verdichten. Eine Sisyphusarbeit. Die dampfenden Pferdeleiber bahnen sich nackt, das heisst ohne Beschirrung und ohne Eisen an den Hufen, watend und «schwimmend» den Weg.

Mann und Pferd versinken oft bis an die Schultern im Schnee und müssen sich, schweissgebadet, nach wenigen Schritten und Sprüngen für die nächsten paar Meter zuerst wieder erholen. Oft schon nach wenigen Minuten Ruttnerarbeit muss das vorderste Mann-Ross-Team die andern vorbei lassen, da dieses Spuren im Tiefschnee Arbeit bis zur Erschöpfung bedeutet. Und all das bei steifem Wind und klirrender Kälte, die den Atem vor Nase und Nüstern zu Rauhreif erstarren lassen.

Zuletzt Trassier-Schlitten

Auf die Spurpferde folgen wieder Schaufler, dann erneut Pferde und zuletzt Schlitten, die mit quer unter die Kufen gespannten Ketten den Schneeweg planieren. So ergibt sich ein festes Trassee, auf dem nachher die Pferdestaffeln – mit Bastsattel oder Schlitten – transportieren können, auf dem aber auch Fusstruppen mühelos zu verschieben sind.

Könnte man das Ruttnern beim ersten Schneefall beginnen und kontinuierlich weiterführen, ergäbe dies einen festen, tragfähigen Pfad. Und zwar auf gleicher Höhe wie die umgebende Schneedecke, was bedeutet, dass er nicht verweht werden kann. Eine Ruttnerpiste ist also genau das Gegenteil von einer Schneegasse, die beim erstbesten Sturm wieder aufgefüllt würde.

Während moderne Gebirgstruppen über Lawinenspezialisten, Sprengmittel und Rettungseinrichtungen verfügen, mussten die Ruttner von damals oft Leib und Leben riskieren. Hoch ist denn auch die Zahl von Menschen, Pferden und Handelsvieh, die im Laufe der Jahrhunderte an den Pässen ihr Leben in Lawinen verloren.

Daneben machen der winterlichen Karawanserei noch andere Erscheinungen zu schaffen: plötzlich hereinbrechende Stürme, die jede Orientierung verunmöglichen und meterhohe Schneewächten auftürmen, oder der sogenannte Bodenstreicher, ein bissiger, alles durchdringender Zugwind, und schliesslich die grausame Kälte, die den Leib zum starren Fremdkörper macht.

Pferde sind kälteresistent

Die Rosse haben es bezüglich Kälte besser als die Menschen. Sie ertragen Temperaturen bis gegen minus vierzig Grad Celsius, bevor sich Erfrierungen ersten Grades einstellen. Sie sind jedoch – aufgestallt und nicht in Bewegung – vor allem empfindlich gegen Nässe und Durchzug.

Was sie in Extremsituationen punkto trockene Kälte auszuhalten vermögen, haben sowohl Kriegspferde beispielsweise im Eismeerfeldzug und an der Beresina als auch die Ruttnertiere der alten Säumer auf den Alpenpässen bewiesen.

Foto: Fritz Heinze